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Die überfüllte Aufnahmeeinrichtung in München muss nicht sein!

 

Die Menschen müssen eine menschenwürdige Unterkuft erhalten!

 

[sueddeutsche.de]  Muenchen

 

12. Oktober 2014 19:12 Flüchtlinge in München

 

Ohne Worte

 

Nicht jeder hat ein Bett - oder gar eine Decke

 

Von Bernd Kastner

 

In der Bayernkaserne im Norden von München wirken die Behörden mit den Flüchtlingen überfordert. Und als ein Imam Nothilfe leisten will, wird seine Aktion ein Fall für die Polizei.

 

Die Politiker sind weg. Der Oberbürgermeister, die Sozialministerin, der Kultusminister und auch die Kirchenleute haben die Kaserne verlassen, der Alltag kehrt wieder ein hinter der Mauer an der Heidemannstraße. Auf dem Randstein vor einem der alten Militärgebäude sitzt eine Frau, um sie herum Koffer und ein Kinderwagen, an ihrer Brust ein Säugling. Die Mutter stillt ihn, sie lächelt. Es beginnt zu dämmern an diesem Freitag, an dem die Vertreter des Bündnisses für Toleranz die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende besucht haben, um ein Zeichen zu setzen: "Wir wollen diese Flüchtlinge bei uns willkommen heißen", erklärt OB Dieter Reiter.

 

Wer sich jenseits des Polit- und Behördenauflaufs umschaut, erkennt eine ganz spezielle Willkommenskultur. Man sieht unzählige Menschen auf dem Boden, sie liegen im Gras, auf Asphalt, auf Pflaster. Viele schlafen oder dösen, meist nur auf und unter dünnen Decken, wenn überhaupt. Bayernkaserne im Oktober 2014.

 

Benjamin Idriz, der Imam aus Penzberg, war im Pulk der Prominenz dabei, aber er bleibt länger, viel länger, es ist sein erster Besuch hier. Sein Arabisch ist perfekt, er redet mit den Flüchtlingen, hört zu, schüttelt den Kopf, immer umringt von einer Traube von Menschen. Sie merken, dass da einer helfen will, es wirkt, als wäre er der Ombudsmann in der Kaserne. Allein, es gibt dieses Amt hier gar nicht, dabei wäre es so nötig. Am Ende wirkt Idriz erschlagen von dem, was er sieht und hört. Idriz fasst einen Plan. Er will helfen, ganz spontan, und er wird wiederkommen, noch am selben Abend.

Ein Mann, mittleres Alter, Rechtsanwalt von Beruf, bittet Idriz um dessen Handy. Vor ein paar Stunden erst ist der Mann eingetroffen, er war drei Monate auf der Flucht aus Syrien, und jetzt möchte er seine Familie zu Hause in Aleppo anrufen, um zu sagen: Ich bin angekommen. Es klappt, die Verbindung kommt zustande, der Mann strahlt, ganz kurz.

 

Dann erzählt er, dass er jahrelang den Krieg und die Bomben ertragen habe, aber als er gesehen habe, wie die Terroristen Köpfe abschneiden - nein, da konnte er nicht mehr. Den Schmuck seiner Frau habe er verkauft, um seine Flucht zu finanzieren. Er wolle nun schauen, ob er seine Frau und die drei Kinder nachholen soll, aber er ist sich nicht mehr sicher. Ist einer wie er willkommen in Deutschland? In Passau hat ihn die Bundespolizei aufgegriffen, und natürlich haben sie sofort seinen gefälschten Pass erkannt. Damit zu reisen ist illegal, gewiss, aber wie soll ein Flüchtling auf legalem Weg hierher kommen? Sie haben ihm dann eine Strafe aufgebrummt, Sicherheitsleistung nennt sich das formal, 750 Euro. "Das war mein letztes Geld."

 

Der Mann hat noch, was er auf dem Leib trägt, und eine kleine Plastiktüte mit ein paar Papieren und Formularen. Die Polizei hat sie ihm in die Hand gedrückt, alles auf Deutsch. Die Adresse, wo er sich unverzüglich einzufinden habe, um sein Asylbegehren zu stellen, hat jemand mit Kuli eingekreist: München, Heidemannstraße 60, Erstaufnahmestelle, "Zentrale Rückführungsstelle". Diese Worte bekommt in Deutschland ein Mensch ausgehändigt, der gerade dem Krieg entkommen ist. Wie gut, dass er kein Deutsch versteht.

 

Stunde um Stunde vergeht, immer, wenn Idriz gehen will, bittet der nächste Flüchtling um sein Ohr. Einer zeigt Fotos auf seinem Handy, man sieht einen Flur in einem der Kasernengebäude, man sieht Menschen, die auf dem Boden liegen oder kauern. Einer sagt, dass er seit Tagen draußen schlafe, kein Bett bekommen habe in der Kaserne. Wirklich? Das kann doch nicht sein, nicht in Bayern. Die Sozialministerin Emilia Müller hat doch erst vorhin noch versichert: "Es ist für jeden ein Bett da." Dann kommt der nächste Flüchtling und erzählt vom Draußenschlafen, und noch einer und noch einer, immer mehr werden es. Wer also sagt die Wahrheit, die Flüchtlinge oder die Ministerin? Vielleicht haben ja beide recht.

 

Einer, der weiß, wie es läuft in den Behörden, erzählt, was er für das Problem hält: Man weise jedem ein Bett zu, und sei es eines im Zelt im Kapuzinerhölzl. Aber die Verständigung klappe oft nicht. Die Behörden schaffen es nicht, den Flüchtlingen zu erklären, was sie tun müssen, um Bett und Decken zu bekommen, in welche Warteschlange sie sich einreihen müssen. Es gibt zu wenig Betreuer, von Dolmetschern ganz zu schweigen. Diese Sprachlosigkeit lässt die Hilfe suchenden Menschen frieren.

 

Später, da ist es längst finster, vertreibt die Security eine Gruppe von Syrern, die sich aufs Gras gelegt haben. Sie sollen sich gefälligst vor Haus 39 anstellen und sich registrieren lassen. Aber warum haben sie keine Decken bekommen? Der Sicherheitsmann ist grantig. Er versichert, dass genügend Decken vorrätig seien, jeder, der wolle, bekomme eine. "Wenn wir ihnen Decken geben, verpissen sie sich." Wie bitte? "Die nehmen die Decken und verpissen sich." Soll heißen, sie suchen sich einen Schlafplatz, irgendwo. Ein anderer von der Security redet davon, dass die Flüchtlinge "rumstreunen", anstatt sich ordentlich in die Schlange zu stellen. Wieder ist es gut, dass die meisten Menschen hier kein Deutsch verstehen.

 

Umringt von Dutzenden Menschen

 

Es ist Freitagabend, kurz nach 21 Uhr, Benjamin Idriz hat seinen Plan verwirklicht. Über das Münchner Forum für Islam, jenen Verein, den man kennt, weil er eine repräsentative Moschee bauen will, hat er binnen drei Stunden Decken und Kissen gesammelt, jetzt fährt er in einer kleinen Autokolonne in die Bayernkaserne.

 

Die Security am Eingang Heidemannstraße 50 lässt ihn passieren, Hilfe sei willkommen, heißt es dort. Idriz aber muss weiter in den Bereich von Nummer 60. Dort werden die Flüchtlinge registriert, dort lagern sie im Freien, und dort hat eine andere Security das Sagen. Die ist überrascht von der unangemeldeten Spendenaktion, wird nervös. Idriz ist sofort von Dutzenden Menschen umringt. Jeder will eine Decke, es wird kalt.

 

Diskussionen zwischen Security und Idriz: Er dürfe nicht hier sein, bitte wegfahren. Wieder weg? Nein, Idriz lässt sich nicht vertreiben, er und sein Team verteilen die Decken. Als sie fertig sind, es ist 22 Uhr, klopft es an Idriz' Autotür: "Grüß Gott. Die Polizei." Die Security hat die Polizei gerufen. Idriz steigt aus, der Polizist belehrt ihn: "Sehr löblich" sei die Aktion, aber er hätte die Decken an der Pforte abgeben müssen. Vorschrift. Idriz versucht zu erklären: "Das war eine spontane Idee. Es hat mir so leid getan, was ich gesehen habe. Diese Bürokratie erschwert das Leben von so vielen Menschen." Der Beamte, immer korrekt im Ton, scheint das zu verstehen, sagt, er sei ja auch quasi nur der verlängerte Arm der Regierung, des Hausherrn.

 

Menschen liegen auf dem Boden. Schlafen.

 

Und dass Idriz bitte den Security-Chef verstehen möge: "Er kann die Sicherheit nicht mehr aufrecht erhalten." Was für eine Szene. Ein Imam, der bis vor ein paar Jahren vom bayerischen Innenminister als angeblicher Extremist und Verfassungsfeind gebrandmarkt wurde (was längst korrigiert ist), dieser Imam will frierenden Flüchtlingen in der Obhut des Freistaats helfen. Und warum entsteht ein Menschenauflauf, der die Sicherheit in der Bayernkaserne gefährdet? Wohl kaum, weil schon alle mit einer behördlichen Decke versorgt sind und sie nicht genug kriegen können.

 

22 Uhr ist durch. Ein Kind kurvt mit einem Fahrrad herum. Ein anderes schaukelt auf einem kleinen Spielplatz. Einige der alten Garagen dienen Hunderten als Schlafplatz, die Luft drinnen ist zum Schneiden. In einer der anderen Garagen ist die Kleiderkammer untergebracht. Sie ist voll, die Münchner Bevölkerung spendet viel und gerne, aber die Türen zu den Kleidern und Decken sind verschlossen.

 

Draußen, im diffusen Licht der Laternen, erkennt man jetzt nur noch Schemen. Man muss nahe herankommen, dann werden daraus Menschen. Sie liegen auf dem Boden. Sie schlafen.